Was passiert, wenn man sich selbst wirklich begegnet?
Im letzten Beitrag habe ich von der außergewöhnlichen Lernatmosphäre während der Kurse und in der gesamten Ausbildung erzählt. Doch so schön diese Atmosphäre auch war – sie allein erklärt für mich noch nicht, warum diese Ausbildung mir ermöglicht hat, mich so nachhaltig zu entwickeln.
Denn eines hatte ich in meinen bisherigen Aus- und Weiterbildungen längst verstanden: Es geht nicht nur darum, Tools, Methoden und Interventionen zu lernen. Es geht um den eigenen Prozess – vielleicht sogar zum größten Teil.
Wenn ich andere Menschen professionell begleiten möchte, muss ich mich auch selbst kennen. Ich muss wissen, wie ich ticke. Was mich bewegt. Was mich antreibt. Was mich aus der Balance bringt. Welche Muster ich habe und woher sie kommen.
Das hatte ich meiner Meinung nach schon ganz gut verstanden.
Ich dachte, ich hätte meine Werte geklärt, meine Identität erforscht, mit meinen eigenen Drachen gekämpft und meine ganz persönliche Heldenreise absolviert.
Und das stimmt natürlich auch.
Trotzdem ging ich, wenn ich heute zurückblicke, ziemlich naiv in diese Ausbildung.
Ich dachte, ich sei mit mir im Reinen und würde jetzt Kinesiologie lernen, um meinem Werkzeugkoffer einfach noch ein weiteres Tool hinzuzufügen.
Tja, was soll ich sagen?
Ihr ahnt es schon.
Ich dachte … und genau das ist der Punkt:
Plötzlich begegnete mir etwas, das ich zwar intellektuell verstanden hätte – aber noch lange nicht wirklich erlebt hatte: Ich bin ein dreidimensionales Wesen.
Ich habe Gedanken.
Ich habe Gefühle.
Und ich habe einen Körper, der ständig mit mir kommuniziert.
Eigentlich klar.
Aber für mich war diese Verbindung vorher überhaupt nicht präsent.
Ich war mir meiner Muster durchaus bewusst. Ich konnte sie benennen, analysieren und erklären. Achtsam als Teil meiner Selbst gefühlt oder gespürt hatte ich sie deshalb noch lange nicht.
Natürlich wusste ich, wie ich geprägt worden war. Ich konnte Zusammenhänge herstellen und meine Geschichte erzählen. Aber wo sich diese Prägungen in meinem Körper bemerkbar machten oder welche Emotionen damit verbunden waren, hatte ich nicht wirklich auf dem Schirm.
Auch meine eigenen Bedürfnisse waren mir nicht völlig unbekannt.
Ich konnte darüber nachdenken.
Aber sie wirklich wahrzunehmen und zu spüren, war noch einmal etwas ganz anderes.
Kurz gesagt: Ich war immer noch hauptsächlich eindimensional unterwegs.
In meinem Kopf.
Und denken kann ich ja ganz gut.
Was ich in der Ausbildung erst wirklich erfahren habe, war die Verbindung zwischen meinen Gedanken, meinen Emotionen und meinen Körperempfindungen.
Zu verstehen, dass diese drei Dimensionen sich gegenseitig beeinflussen. Dass mein Körper auf meine Gedanken reagiert. Dass Gefühle körperlich spürbar werden. Dass körperliche Empfindungen wiederum meine Gedanken und Emotionen beeinflussen können. Dass jede Erfahrung in jeder meiner Zellen gespeichert ist. Dass man Blockaden zwar im Kopf bedenken, durchkauen und Veränderungspläne schmieden kann, sie aber deshalb noch lange nicht in Fleisch und Blut übergehen. Und dass, wenn eine dieser Dimensionen blockiert ist, die anderen beiden eben auch nicht einfach unbeeinflusst weitermachen.
Das zu verstehen, war für mich eine Offenbarung.
Plötzlich ergaben viele Dinge Sinn.
Die Puzzleteile fielen an ihren Platz.
Das Licht ging mir – ich möchte es so beschreiben – kronleuchterweise auf.
Ich verstand zum Beispiel, warum ich im Familien- und Freundeskreis immer wieder in ähnliche Situationen geriet.
Warum ich mir hundertmal vorgenommen hatte:
Dieses Mal bleibst du ruhig.
Dieses Mal lässt du dich nicht provozieren.
Dieses Mal stehst du einfach über den Dingen.
Ich wusste doch so viel. Ich hatte so viele Methoden gelernt. Ich konnte reflektieren, analysieren und kommunizieren.
Und trotzdem dauerte es manchmal gefühlt zehn Sekunden, bis ich wieder an die Decke ging.
Das Spannende war: In der Ausbildung lernte ich nicht nur besser zu verstehen, warum das so war.
Ich lernte auch, etwas damit zu tun: zu transformieren, ins Gleichgewicht zu kommen.
Eine kinesiologische Sitzung nennt man eine Balance.
Und genau das haben wir getan – in unserer Ausbildungsgruppe und natürlich auch in professionell begleiteten Balancen im Institut.
Wir haben uns mit meiner Familiengeschichte beschäftigt. Mit meinen Erlebnissen. Mit Verletzungen. Mit Blockaden.
Schicht für Schicht.
Zwiebelschale für Zwiebelschale.
Und dabei ging es für mich nicht darum, irgendeine perfekte Version von mir zu erschaffen.
Im Gegenteil.
Ich wurde mir selbst einfach immer ähnlicher.
Für mich führten und führen kinesiologische Balancen zu mehr Authentizität und echter Lebensfreude. Ich bin mir meiner selbst bewusster geworden und schaffe es immer besser, auch in herausfordernden Situationen bei mir zu bleiben.
Ich erlebe mich zunehmend selbstwirksam und eigenverantwortlich.
Ich kann immer besser unterscheiden: Welche Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen gehören tatsächlich zu mir?
Und welche nicht?
Das klingt zunächst simpel. Für mich war und ist es eine ziemlich große Sache, immer besser wahrzunehmen, was meins ist – und was ich bei anderen lassen darf.
Genau deshalb empfinde ich die Ausbildung heute nicht als reine Wissensvermittlung.
Sie war Transformation.
Und sie ist es für mich bis heute.
Was ich besonders wertvoll finde: Ich kann mich mit den kinesiologischen Methoden auch selbst begleiten. Ich bin nicht darauf angewiesen, für jedes Thema eine andere Person aufzusuchen.
Natürlich gibt es Situationen, in denen ich sehr gerne professionelle Unterstützung von außen annehme. Gerade dann, wenn ich merke, dass ich an eines meiner eigenen Themen nicht richtig herankomme.
Dann ist der Blick von außen unglaublich wertvoll.
Aber ich habe heute viel mehr Möglichkeiten, mich selbst zu verstehen, mich zu regulieren und wieder in meine eigene Balance zu kommen.
Und genau das empfinde ich als einen der größten Gewinne dieser Ausbildung.
Denn persönliche Entwicklung betrifft aus meiner Erfahrung selten nur die Person selbst.
Wenn wir uns verändern, verändern sich oft auch unsere Beziehungen.
Wenn ich mich bewege, bewegt sich eben auch etwas um mich herum. Das kann ganz toll sein, ist aber aus meiner Erfahrung nicht immer so.
Gerade im engen sozialen Umfeld – in der Familie, im Freundeskreis oder auch im Job – kann die eigene Veränderung etwas in Bewegung bringen. Denn wenn ich beginne, anders zu handeln, Grenzen anders zu setzen oder meine Bedürfnisse deutlicher wahrzunehmen, reagieren andere Menschen darauf.
Manchmal mit Freude und Wertschätzung, sogar mit Respekt.
Manchmal mit Irritation.
Und manchmal mit Widerstand.
Auch das gehört für mich zur persönlichen Entwicklung.
Denn sich selbst wirklich zu begegnen, verändert nicht nur den Blick auf sich selbst.
Es verändert auch den Blick auf die Menschen um einen herum.
Und genau darum geht es im nächsten Beitrag: Was passiert eigentlich, wenn persönliche Entwicklung nicht nur mich selbst verändert, sondern auch mein Umfeld herausfordert?
Meike Simpson
Kinesiologin BK DGAK zertifiziert

