Wie persönliche Entwicklung das eigene Umfeld herausfordern kann
Im letzten Beitrag ging es um die Veränderungen, die während und nach meiner Ausbildung zur Begleitenden Kinesiologin in mir passiert sind. Heute geht es um die andere Seite dieser Entwicklung: Was passiert eigentlich mit meinem Umfeld, wenn ich mich verändere?
Wenn ich als Kind gefragt worden wäre, wie meine Familie ist, hätte ich wahrscheinlich gesagt: ganz normal.
Ich hatte schließlich keine Parallelfamilie. Niemand, bei dem ich hätte schauen können: „Nanu, was läuft denn hier anders als bei uns?“
Ich bemerkte nicht, in welchem Rollenkonstrukt ich lebte. Ich fragte mich nicht, ob die Rollen sinnvoll verteilt waren. Oder wer mit welcher Geschichte, welchen Erfahrungen und welchen Prägungen wiederum mich prägte.
Ich war einfach da.
Und ich tat vermutlich das, was viele Kinder tun: Ich passte mich an und versuchte, irgendwie Teil dieser Sippe zu sein.
Später suchte ich mir – außerhalb meiner Familie – mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit Beziehungen, die dem ähnelten, was ich von zu Hause kannte.
Heute erkenne ich das viel klarer. Ich fand Menschen, die meinen Mittelpunkt bildeten. Menschen, die sich selbst wichtiger nahmen als mich.
Später fand ich Jobs in Unternehmen, die wichtig waren. Mit Menschen, die wichtig waren. Mehr als ich.
Was ich damals noch nicht wusste: Ich war in einem Umfeld aufgewachsen, das stark von narzisstischen Dynamiken geprägt war. Und ich suchte und fand solche Dynamiken später immer wieder.
Und noch etwas wurde mir klar: Ich hatte selbst Verhaltensweisen übernommen, die ich aus diesem Umfeld kannte.
So wie Kinder bestimmte sprachliche Ausdrücke, Gesten oder Körperhaltungen von ihren erwachsenen Vorbildern übernehmen, hatte auch ich gelernt, wie ich sein musste, um dazuzugehören.
Ich musste erfolgreich sein.
Recht haben.
Fehlerlos sein.
Funktionieren.
Und das konnte ich ziemlich gut. Ich funktionierte bestens. Richtig gelebt habe ich dabei allerdings nicht.
Aus meiner heutigen Sicht funktioniert eine solche Dynamik ungefähr so: Solange ich andere bewundere, ihre Bedeutung bestätige und meine eigenen Bedürfnisse zurückstelle, ist alles in Ordnung. Ich bin die Beste. Als nahezu maschinenähnliches Wesen ohne eigene Bedürfnisse war ich dafür natürlich bestens geeignet.
Schwierig wurde es immer dann, wenn in mir Selbstwert und Selbstliebe stärker wurden und ich anfing, Grenzen zu setzen.
Dann wurde es unangenehm.
Ich erlebte Kritik, Rückzug oder Ausgrenzung – und irgendwann gab ich wieder nach. Ich entschuldigte mich für Dinge, die ich gar nicht verursacht hatte, erkannte den Status der anderen an und nahm meine alte Rolle wieder ein.
Diese Erfahrungen haben Spuren hinterlassen.
Bis heute frage ich mich manchmal, ob Menschen, mit denen ich Beziehungen eingehe, mich wirklich mögen. Das ist verunsichernd. Und auch schmerzhaft. Vertrauen fällt mir deshalb nicht immer leicht.
Nun habe ich mich natürlich weiterentwickelt.
Ich habe viele dieser Dynamiken erkannt. Ich habe mich mit meinen eigenen Dämonen auseinandergesetzt und gelernt, mich selbst besser zu verstehen. Ich kann heute deutlich besser Grenzen setzen.
Das ist gut.
Und gleichzeitig ist es auch schwierig.
Denn persönliche Entwicklung findet ja nicht bei allen Menschen gleichzeitig statt.
Ich kann mich verändern – aber ich kann nicht bestimmen, ob und wann die Menschen um mich herum ebenfalls etwas verändern möchten oder können.
Und das bedeutet ganz konkret: Menschen, die mich schon lange kennen, sind manchmal irritiert, wenn ich plötzlich – zumindest aus ihrer Sicht – Bedürfnisse äußere, Gefühle benenne oder nicht mehr selbstverständlich ausschließlich auf ihre Wünsche eingehe.
Denn bisher hatten sie mich vielleicht gar nicht richtig wahrgenommen. Daran hatte ich natürlich auch ich meinen Anteil. Ich hatte mich selbst schließlich auch nicht richtig sichtbar gemacht.
Natürlich habe ich inzwischen einiges an Wissen und meine Fähigkeiten entwickelt. Ich kann heute besonnener, wertschätzender und konstruktiver mit Irritationen, Frust oder auch heftigen Reaktionen anderer umgehen. Und genau das habe ich auch lange getan.
Vielleicht sogar manchmal zu gut. Denn dadurch war es für die, die nur sich selbst sehen und einfach heraushauen, was sie gerade beschäftigt, mit aller Emotionalität und oft ohne Rücksicht auf meine Gefühle, leichter – und für mich schwer.
Ich konnte nämlich Konflikte deeskalieren, Verständnis zeigen, vermitteln, mich zurücknehmen und die Perspektive des anderen einnehmen.
Nur meine eigene Perspektive kam dabei, man ahnt es schon, oft zu kurz.
Für mich fühlte sich das dann an, als wäre meine Welt in Grautönen.
Erst während der Ausbildung entstand für mich ein Raum, in dem ich mich sicher genug fühlte, etwas für mich völlig Neues auszuprobieren.
Ich erlaubte mir, nicht in jeder Situation nachzugeben.
Ich begann, meine Bedürfnisse auszusprechen.
Und dann passierte für mich das erste Wunder:
Ich wurde gehört.
Das zweite Wunder folgte gleich hinterher:
Ich wurde verstanden.
Und dafür wurde ich auch noch gemocht.
Wie verrückt ist das denn?!
Diese Erfahrung hat etwas in mir verändert.
Die Ausbilderinnen am Institut haben mich in diesem für mich bis dahin schwierigsten Entwicklungsschritt nicht nur begleitet. Sie haben mich ermutigt und herausgefordert. Sie haben mich unterstützt – bedingungslos, zutiefst menschlich und gleichzeitig vollkommen unaufgeregt.
Und sie haben mir damit ermöglicht, aus meinem Schatten herauszutreten.
Sichtbar zu werden.
Ich glaube, dafür braucht es einen sicheren Raum. Und genau so einen Raum hatte ich in meiner Ausbildungsgruppe. Zum ersten Mal erlebte ich, dass ich auch in meiner Unvollkommenheit gemocht, geschätzt und akzeptiert werde. Ich musste nichts leisten, niemandem etwas beweisen und keine bestimmte Rolle erfüllen, um dazuzugehören.
Das hat mich unglaublich ermutigt, mehr ich selbst zu sein.
Und diese Erfahrung wirkt bis heute.
Ich schaffe es immer besser, Beziehungen zu Menschen zu beenden oder zumindest deutlich zu reduzieren, wenn ich merke, dass sie mir nicht guttun.
Und gleichzeitig gelingt es mir immer besser, neue Beziehungen einzugehen, in denen Geben und Nehmen selbstverständlich in einem guten Gleichgewicht stehen dürfen.
Das bedeutet nicht, dass ich heute alles kann. Ich bin auch nicht plötzlich fertig entwickelt. Im Gegenteil. Ich lerne weiterhin. Aber ich habe heute andere Möglichkeiten, mit mir selbst und mit anderen Menschen in Beziehung zu sein.
Während sich privat also vieles verändert hat und immer noch verändert, begann ich gleichzeitig zu erkennen, wie wertvoll die kinesiologischen Werkzeuge auch für meinen beruflichen Alltag sein können. Denn persönliche Entwicklung endet schließlich nicht an der Bürotür.
Und genau darum geht es im nächsten Teil.
Meike Simpson
Kinesiologin BK DGAK zertifiziert

