Eine der wertvollsten Erkenntnisse aus dem Kurs „Integration frühkindlicher Reflexe und Reaktionen“ war für mich die Antwort auf eine Frage, die mich seit vielen Jahren begleitet: Warum kann ich unter Druck plötzlich nicht mehr auf das zugreifen, was ich eigentlich kann?
Mein Leben war schon immer von sportlichen Herausforderungen geprägt. Mit meinem Pferd bin ich viele Jahre auf Turniere gefahren, heute starte ich mit meinem Hund. Schon früher habe ich an Crossläufen teilgenommen und dort erstaunlich gute Leistungen erzielt. Obwohl mein Vater mich damals zu den Wettkämpfen fuhr, fühlte ich mich beim Laufen nie unter Druck. Im Gegenteil: Ich war fokussiert, leistungsfähig und konnte mein Potenzial abrufen.
Ganz anders war es auf dem Reitturnier.
Zu Hause im Training funktionierte vieles gut. Doch sobald die Prüfung begann, änderte sich etwas. Bereits beim Einreiten in die Dressuraufgabe – „Bei X halten und grüßen“ – war ich innerlich nicht mehr präsent. Mein Körper wurde fest, besonders in der Hüfte, ich konnte nicht mehr mitschwingen, keine feinen Hilfen geben und meinem Pferd nicht die Sicherheit vermitteln, die es gebraucht hätte. Erst nachdem die Aufgabe vorbei war, konnte ich wieder normal reiten.
Lange suchte ich die Ursache im Außen. Zunächst dachte ich, es läge daran, dass mein Vater zuschaute. Später fuhr ich allein zu den Turnieren – doch das Gefühl blieb. Die Zuschauer, die Richter, die Situation selbst reichten aus, um mich unter Druck zu setzen.
Ich hatte irgendwann die Überzeugung entwickelt, dass ich besonders dann Schwierigkeiten habe, wenn ich mit anderen zusammenarbeite oder Verantwortung für jemand anderen trage. Ich sagte oft: „Alleine kann ich Leistung bringen. Sobald ich von jemandem abhängig bin oder jemand von mir abhängig ist, wird es schwierig.“
Heute sehe ich das anders.
Im Kurs wurde mir deutlich, dass ich in vielen dieser Situationen nicht wirklich im Kontakt war – weder mit mir selbst noch mit meinem Gegenüber. Unter Druck schaltete mein System in den Überlebensmodus. In der Edu-Kinestetik sprechen wir vom Überlebensgehirn. Dort stehen Schutz, Flucht und Sicherheit im Vordergrund.
Das erklärt auch, warum mir Wettkampfsituationen wie Laufveranstaltungen vergleichsweise leicht fielen. Laufen passt gewissermaßen perfekt in dieses Muster: weg, schneller, weiter. Der Körper aktiviert alle Ressourcen für Leistung und Überleben.
Anders sieht es aus, wenn Beziehung gefragt ist.
Mit einem Pferd oder Hund erfolgreich zusammenzuarbeiten bedeutet, präsent zu sein, Orientierung zu geben und Sicherheit auszustrahlen. Dafür braucht es den Zugang zu den höheren Gehirnfunktionen, insbesondere zu dem Bereich, den wir in der Edu-Kinestetik mit Beziehung, Orientierung und Verbundenheit verbinden. Genau dort wurde es für mich schwierig.
Eine zentrale Rolle spielt dabei für mich der Moro-Reflex.
Der Moro-Reflex ist unsere ursprüngliche Schreckreaktion. Wird er aktiviert, reagiert der Körper zunächst mit Alarm. Die Aufmerksamkeit richtet sich nach außen, die Muskulatur spannt an und das Nervensystem schaltet auf Gefahrenabwehr. Anschließend folgt idealerweise ein tiefes Ausatmen – der Schritt zurück zu sich selbst. Erst danach kann die dritte Phase stattfinden: das Beruhigen, Regulieren und Wieder-in-Beziehung-Gehen.
Mir wurde bewusst, dass ich diesen zweiten Schritt häufig überspringe.
Ich erschrecke mich innerlich, nehme die Bewertung oder Beobachtung von außen wahr und gehe sofort wieder ins Funktionieren. Ich halte den Atem an, ziehe mich innerlich zusammen und mache einfach weiter. Der wichtige Moment des Ausatmens, des Wieder-bei-mir-Ankommens, fehlt.
Gerade auf Turnieren wurde mir das deutlich. Ein Blick der Richter, das Gefühl beobachtet zu werden, ein kleiner Fehler – und mein System schaltete auf Alarm. Statt bei mir zu bleiben, verlor ich die Verbindung zu meinem Körper, zu meinem Pferd und später auch zu meinem Hund.
Die Erkenntnis war gleichzeitig berührend und befreiend.
Berührend, weil ich rückblickend verstehe, warum vieles so schwer war, obwohl ich fachlich und sportlich durchaus in der Lage gewesen wäre. Befreiend, weil ich heute erkenne, dass es nicht an mangelndem Können lag. Mein Nervensystem tat schlicht das, wofür es ursprünglich gedacht ist: Es wollte mich schützen.
Ein weiterer spannender Baustein war für mich der STNR (Symmetrisch-Tonische Nackenreflex). Er wird unter anderem mit der Zentrierung in Verbindung gebracht. In der Edu-Kinestetik ist Zentrierung eng mit dem limbischen System verknüpft – jenem Gehirnbereich, der sowohl für die Orientierung im Raum und im eigenen Körper als auch für Beziehung, Verbundenheit und emotionale Sicherheit steht.
Für mich war das eine besonders berührende Erkenntnis. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich viele Situationen, in denen genau diese Themen eine Rolle gespielt haben: Orientierung, das Gefühl, bei mir selbst zu sein, mich sicher zu fühlen und gleichzeitig mit anderen in Verbindung zu bleiben. Lange habe ich diese Erfahrungen als einzelne Herausforderungen betrachtet. Durch die Arbeit mit den Reflexen erkenne ich heute, dass sie möglicherweise Ausdruck eines gemeinsamen Musters waren.
Mir wurde bewusst, dass Zentrierung und Beziehungsfähigkeit keine getrennten Fähigkeiten sind. Sie entspringen demselben inneren Raum. Wenn dieser Bereich gut integriert ist, kann ich mich in mir selbst orientieren und gleichzeitig offen für Verbindung sein. Fehlt diese innere Orientierung, wird auch Beziehung schwieriger – nicht nur zu anderen Menschen, sondern ebenso zu den Tieren, mit denen ich arbeite.
Gerade im Zusammenhang mit meinen Turniererfahrungen ergibt das für mich heute einen neuen Sinn. Unter Druck verlor ich oft nicht nur die Verbindung zu meinem Pferd oder meinem Hund, sondern zunächst die Verbindung zu mir selbst. Und genau dort beginnt Beziehung: in der Fähigkeit, auch in herausfordernden Momenten bei sich zu bleiben.
Heute verstehe ich vieles klarer. Ich weiß, dass meine Aufgabe nicht darin besteht, Druck auszuhalten oder ihn zu bekämpfen. Meine Aufgabe ist es, unter Druck bei mir zu bleiben. Zu atmen. Mich zu orientieren. Sicherheit in mir selbst zu finden.
Denn erst wenn ich mit mir selbst in Verbindung bin, kann ich auch mit meinem Gegenüber in Verbindung gehen.
Genau darin liegt für mich die große Bedeutung der Reflexintegration: Sie eröffnet die Möglichkeit, alte Schutzmuster zu erkennen und neue Wege zu finden – Wege, die nicht vom Überleben, sondern von Präsenz, Beziehung und Vertrauen geprägt sind.
Stella Peters
Kinesiologin BK DGAK zertifiziert

