Drei Jahre lernen – Warum Zeit manchmal der wichtigste Lehrmeister ist
Im ersten Beitrag habe ich erzählt, warum mich die Kinesiologie trotz vieler vorheriger Aus- und Weiterbildungen so neugierig gemacht hat. Heute möchte ich davon berichten, weshalb gerade die dreijährige Dauer der Ausbildung für mich einer ihrer größten Erfolgsfaktoren war.
Als ich mich damals für die Ausbildung entschied, wusste ich natürlich, dass drei Jahre eine lange Zeit sind. Was ich allerdings noch nicht wusste: Genau diese Zeit würde sich später als einer der größten Schätze der gesamten Ausbildung herausstellen.
Die Ausbildung umfasst pro Ausbildungsjahr rund 200 Kursstunden. Etwa alle vier Wochen fanden am Wochenende die Kurse statt, zusätzlich gab es einmal im Monat freitags eine eintägige Supervision. Das bedeutete: ungefähr drei Tage Institut im Monat – ergänzt durch Hausaufgaben, gegenseitiges Üben und eine intensive Begleitung durch zwei außergewöhnlich kompetente Ausbilderinnen.
Mir war schnell klar, dass ich dafür Raum schaffen musste.
Gemeinsam mit meiner Teamleiterin hatte ich mein Arbeitszeitmodell auf eine 32-Stunden-Woche mit einem freien Tag pro Woche angepasst. Für die Supervisionen nutzte ich diesen Tag, zusätzlich konnte ich Bildungsurlaub in Anspruch nehmen. Die übrige freie Zeit gehörte der Ausbildung: lernen, üben, reflektieren und Hausaufgaben bearbeiten.
Dass das Institut für Kinesiologische Lehre in Damme die Ausbildung berufsbegleitend als Teilzeitmodell anbietet, war für mich letztlich der entscheidende Grund, genau dort zu starten. So musste ich mich nicht zwischen Beruf und Ausbildung entscheiden. Ich konnte weiterhin arbeiten und mich an den Kurswochenenden ganz auf meinen eigenen Lern- und Entwicklungsprozess konzentrieren.
Im Nachhinein kann ich sagen: Das war Gold wert.
Natürlich gab es Phasen, in denen mir alles zu viel wurde. Beruf, Privatleben und Ausbildung gleichzeitig unter einen Hut zu bringen, war nicht immer leicht. Aber gerade diese Zeit hat mir geholfen, viele Dinge zu lernen.
Ich habe meine persönlichen Stressoren viel besser kennengelernt. Ich habe gelernt, Prioritäten zu setzen, Nein zu sagen und besser auf mich zu achten. Vor allem aber habe ich begonnen, wieder bewusster mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen und meinem Körper in Kontakt zu sein. Und das beste: ich konnte mich durch all diese Prozesse selbst begleiten, mich an meine Ausbildungsgruppe wenden und die Unterstützung der Profis im Institut in Anspruch nehmen.
Spannend fand ich auch den Aufbau der Ausbildung.
Mit jedem Ausbildungsjahr wurden die Inhalte anspruchsvoller. Die Themen gingen mehr in die Tiefe, die Zusammenhänge wurden komplexer und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass auch ich mitwuchs. Rückblickend glaube ich, dass genau das die eigentliche Kunst dieser Ausbildung ist: Nicht nur die Inhalte entwickeln sich weiter – die Menschen tun es ebenfalls.
An meinen ersten Kurs erinnere ich mich noch gut.
Damals war ich überzeugt, dass ich nach drei Jahren vor allem eines können würde: den Muskeltest. Für mich war das das zentrale Werkzeug der Kinesiologie und irgendwie der Gipfel der Ausbildung.
Nach zwei Kurstagen kam ich nach Hause und sagte zu meinem Mann:
„Ich hatte wirklich keine Ahnung. Den Muskeltest kann ich jetzt schon. Wenn das bereits am ersten Wochenende passiert ist – was kommt denn dann noch?“
Heute muss ich über diesen Gedanken schmunzeln.
Damals glaubte ich, der Muskeltest sei das Ziel. Heute weiß ich, dass er lediglich der Anfang einer viel größeren Reise war.
Der Vier-Wochen-Rhythmus hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Zwischen den Kursen hatte ich genügend Zeit, das Gelernte auszuprobieren, zu üben, zu reflektieren und in meinen Alltag zu integrieren. Beim nächsten Kurs konnte ich darauf wieder aufbauen.
So entstand nach und nach etwas, das ich aus vielen anderen Ausbildungen anders kannte: Wissen blieb nicht im Seminarraum zurück oder musste sich immer wieder angelernt werden, sondern es wurde Teil meines Systems.
Mindestens genauso wertvoll war unsere Ausbildungsgruppe.
Drei Jahre gemeinsam zu lernen, zu wachsen, sich gegenseitig zu begleiten und auch schwierige Phasen miteinander auszuhalten, verbindet auf eine besondere Weise. Es entstand ein Raum, in dem ich mich sicher fühlte. Echt. Nah. Verbindlich. Wahrhaftig.
Dazu kam die besondere Atmosphäre des Instituts. Eine Mischung aus Professionalität, Herzlichkeit und echter Wertschätzung, die ich durchgehend mit dieser Ausbildung verbinde.
Wenn ich heute auf diese drei Jahre zurückblicke, wird mir klar, dass nicht die Menge des vermittelten und verinnerlichten Wissens den Unterschied gemacht hat. Obwohl die riesig war.
Es war die Zeit.
Drei Jahre haben mir die Möglichkeit gegeben, Wissen nicht einfach zu konsumieren, sondern Schritt für Schritt zu erleben, auszuprobieren, zu hinterfragen und schließlich in mein Leben zu integrieren. Genau dadurch ist aus einer Ausbildung eine nachhaltige Veränderung geworden.
Doch Zeit allein macht noch keine gute Ausbildung.
Was mich mindestens genauso beeindruckt hat, war die Art und Weise, wie dort gelernt wurde. Im nächsten Beitrag erzähle ich von einer Lernkultur, die sich grundlegend von allem unterschied, was ich zuvor erlebt hatte.
Meike Simpson
Kinesiologin BK DGAK zertifiziert

