Einen Kaiserschnitt balancieren

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Das Verdoppeln als effektive Balancemethode der Entwicklungskinesiologie
Von Anja Planken, fachliche Beratung: Renate Wennekes
Chemnitz, im Mai 2013. Ivo kam per Not-Kaiserschnitt zur Welt. Nachdem die Wehen einsetzten und die Fruchtblase geplatzt war, zeigte sich ein Füßchen im Beckenausgang, was die begonnene Hausgeburt unmöglich machte. Liegend wurde ich ins Krankenhaus gefahren. Ein routiniertes und verständnisvolles OP-Team holte Ivo heraus. Er hatte sich zwischenzeitlich nochmals gedreht und einen Arm im Becken verkeilt. Wie ein Flugzeug lag er in meinem Bauch.
Damme, Juni 2014. Ivo und ich nehmen an der Tageskursreihe „Empfängnis – Schwangerschaft – Geburt“ der Entwicklungskinesiologie teil. Ich balanciere während der Kurse sowohl ihn als auch mich, habe aber immer das Gefühl, dass das Geburtsgeschehen weder für Ivo noch für mich abgeschlossen und „gut“ ist. Dann im Workshop „Geburt“ passiert es eher zufällig.
Ivo wacht aus einem kurzen Nickerchen auf dem Fußboden auf. Ich stelle mich intuitiv im Vierfüßlergang, auf Händen und Knien, über ihn – eine typische Geburtsstellung. Meine Absicht ist es, dass er zwischen meinen Beinen und Füßen hindurch krabbelt und so „geboren“ wird. Ivo möchte zunächst nicht. Ich bleibe in meiner Position und schiebe ihn sanft aber bestimmt in Richtung Füße. Zuerst kämpft er und wehrt sich, doch dann – plötzlich – kriecht er selbst zu den Füßen hinaus. Ich nehme ihn in den Arm und wir kuscheln lange und regungslos miteinander, ich weine und genieße gleichzeitig das Geburtserlebnis. Wir wissen beide, dass für uns die Geburt jetzt integriert ist.
Das Verdoppeln als effektive Balancemethode
Das, was hier geschah, bezeichnen wir in der Entwicklungskinesiologie als Verdoppeln. Es ist eine sehr effektive Balancemethode, die von Renate Wennekes und Angelika Stiller entwickelt wurde. Beim Verdoppeln wiederholen wir das stressbelastete Ereignis so, wie es von der Natur vorgesehen ist. Wir verdoppeln also nicht den Kaiserschnitt, sondern die natürliche Geburt.
Die oben beschriebene Verdoppelung war die 3. Verdoppelung der Geburt. Das erste Mal verdoppelten wir, als er 10 Wochen alt war, im Rahmen der Entwicklungsbegleiter-Intensivwoche. Dann noch einmal, als er 1 Jahr alt war, im Seminar „Integration von Geburt und Veränderung“. Immer wehrte er sich, den Geburtskanal“ zu passieren. Immer mussten wir kräftig mitschieben und ihn hindurch ziehen.
Beim 3. Mal schaffte er es aus eigener Kraft und mit eigenem Willen. Es war somit – energetisch gesehen – eine richtige Geburt. Die Energie war jetzt reif dafür. Und wir waren durch die Abfolge der Tageskurse Empfängnis – Schwangerschaft- Geburt besonders gut auf diesen entscheidenden Moment vorbereitet.
Eine alternative Wahrnehmung stressbelasteter Situationen
Indem wir dramatische / traumatische Ereignisse verdoppeln, bieten wir unserem Wahrnehmungssystem eine Wahl an. Unser Gehirn kennt keine Begrenzung durch Realität, Zeit, Objektivität. Von daher haben wir durch unsere Vorstellung jederzeit die Möglichkeit, eine Situation nach unseren Bedürfnissen zu gestalten.
Beim Verdoppeln in der Entwicklungskinesiologie gehen wir nicht zum ursprünglichen Ereignis, also der tatsächlich erlebten Geburt zurück. Sondern wir gestalten es so, wie die Natur es vorgesehen hat.
Wir bieten unserem System ein Modell an, in dem die Situation gemeistert wurde. Dadurch kommt die gestaute Energie in den Fluss und die alte Situation wird abgeschlossen.
Die Schalter öffnen
Aus der Epigenetik wissen wir, dass es wichtig ist, bestimmte „Schalter“ zu öffnen, um unsere Anlagen – unser Potenzial – gut entwickeln zu können. In der Entwicklungskinesiologie ist die „natürliche Geburt“ so ein Schalter.
Unser Wahrnehmungssystem erhält die Erfahrung, auf die es sich in der Schwangerschaft, mit der Entwicklung von Reflexen und Sinnen vorbereitet hat. Das System darf zeigen, was es kann. Damit eröffnen sich neue Reaktionsmöglichkeiten für die Zukunft. Zum Beispiel freut man sich wieder darauf, seinen Geburtstag zu feiern.
Was die Geburt uns für unser Leben mitgibt
In der Entwicklungskinesiologie sprechen wir davon, dass die Art der Geburt uns lehrt, mit Veränderungen in unserem Leben zurecht zu kommen. Die Geburt ist wie eine Brücke zwischen dem Neuen und dem Alten.
Bei der Geburt meistern wir die erste große Veränderung unseres Lebens: Wir gehen aus dem Wasser an die Luft, aus dem Dunkel ans Licht, aus der Geborgenheit in die Unsicherheit. Es ist zugleich ein Balanceakt zwischen Anstrengung und Geschehen lassen. Es gibt vorgegebene Rhythmen und Wehen, die uns dem Ziel, geboren zu werden, näher bringen.
Unsere inneren Systeme „zünden“
Die Anstrengungen, denen wir als Baby in der Geburt ausgesetzt werden, das Durchkämpfen, das Warten und gleichzeitig das Dramatische, Plötzliche ist wichtig, um unsere inneren Systeme umzustellen – für die neue Situation „an Land“ zu zünden. Wir erhalten für die natürliche Geburt eine gute Ausstattung von der Natur: unsere frühkindlichen Reflexe, unsere Sinne und die Motorik, zusätzlich von der Mutter die Interaktion, die Enge, das Durchkämpfen, die Wehen und die Mikroben. Das Spannende an der Sache ist, dass zum Beispiel die Reflexe auch gelebt werden müssen – sie müssen ihre Chance bekommen, die Arbeit zu tun, die für sie vorgesehen ist.
Läuft die Geburt nicht natürlich ab, wie es bei einem Kaiserschnitt der Fall ist, dann kann dieser Balanceakt, können Rhythmen nicht erlebt werden. Die Botschaft ist vielmehr, es nicht aus eigener Kraft geschafft zu haben. Wichtige Reflexe werden nicht „gezündet“ und können dann auch nicht integriert werden.
Was bedeuten diese Erfahrungen des Neugeborenen für sein weiteres Leben?
Wird er weitere Veränderungen aus eigener Kraft und in seinem Tempo meistern? Wie wird er überhaupt Veränderungen begegnen?
Balanceerfahrungen zeigen, dass wir im Körper alles speichern, was wir erlebt haben – also auch die Geburt. Dieses Wissen können wir über den Muskeltest ansteuern. Anzeichen eines Energiestaus aus der Geburt können zum Beispiel eine flache, zu schnelle Atmung, Temperaturprobleme oder die „Hab-Acht-Stellung“ in Beziehungen sein. Es kann verstärkt zu Überreaktionen kommen – selbst bei kleinen Anlässen „rastet man aus“.
Intensive Balance-Betreuung bei Kaiserschnitt
Das Verdoppeln der Geburt war ein Bestandteil der intensiven Balance-Betreuung, die Ivo und ich erhielten. Noch im Krankenhaus wurden wir beide von Renate telefonisch balanciert. Für Ivo ging es zuerst darum, das Ankommen, was nicht richtig stattgefunden hat, auf allen Ebenen zu integrieren. Ich musste zusätzlich den Schock verarbeiten. Dieser zeigte sich bei mir in der Atmung. Wegen stechender Schmerzen beim liegenden Atmen konnte ich die ersten beiden Nächte im Krankenhaus nur sitzend schlafen.
Auch danach war Renate meine „Entwicklungsbegleiterin“. Sie balancierte alles, was von einer natürlichen Geburt abgewichen ist, denn jede „Kleinigkeit“ bei der Geburt hat ihren natürlichen Zweck und ist von großer Bedeutung.
Zum Beispiel:

  • Motorik
  • Sinne
  • Reflexe
  • Atmung
  • Kreislauf
  • Verdauung und Stoffwechsel (bei der natürlichen Geburt besiedeln die Mikroben den Darm, beim Kaiserschnitt fehlt das und die Babys können die Verdauung nicht richtig ankurbeln).

Später dann, als ich wieder in meine Kraft kam, balancierte ich Ivo selbst und nahm Renates Unterstützung nur noch dann in Anspruch, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Meine Ausbildung in der Kinesiologie half mir, mein Kind und mich zu unterstützen.
Die ursprüngliche Kraft, die in uns steckt
In Ivos 1. Lebensjahr habe ich gespürt, dass vieles noch nicht im Fluss ist. Mir war es wichtig, ihm und mir das natürliche Geburtserlebnis zu schenken, so dass er in seinem Leben und wir in unserer Beziehung zueinander darauf aufbauen können.
Die Kraft, die hinter der Balancemethode des Verdoppelns steht, durften Ivo und ich erleben. Es ist eine innere Kraft, die jenseits kognitiver Erklärungen existiert. Es ist die ursprüngliche Kraft, die in uns lebt.
Wenige Tage nach dem Verdoppeln begann er aus eigener Kraft zu laufen.
Hinweis: Das Verdoppeln und Balancieren bei der Geburt kann man in den Seminaren der Entwicklungskinesiologie sowie bei der IKL-Kinesiologiewoche an der Müritz im Juli 2015 erlernen. Www.ikl-kinesiologie.de
Info: Die Entwicklungskinesiologie wurde in den 1980er Jahren von Renate Wennekes und Angelika Stiller entwickelt. Sie erforscht die natürliche frühkindliche Entwicklung und stellt die Verbindung her zu Herausforderungen, die wir in unserem heutigen Alltag (privat, beruflich) spüren. Die Idee: Indem wir mit der Entwicklungskinesiologie die wichtigen frühkindlichen Stadien unseres Lebens erneut durchlaufen, geben wir all dem, was im Alltag, im Beruf, in Beziehungen wichtig ist, einen enormen Energieschub. Die Entwicklungskinesiologie betrachtet die Schaltstellen der frühkindlichen Entwicklung von der Empfängnis bis zu Sprache und Handgeschick. Sie besteht aus 7 Seminaren und 11 Tageskursen (Workshops).
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>>Integration von Geburt und Veränderung